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Pressespiegel - Aktuell

   
  Konzert "Warum toben die Heiden" der Domkapelle in der Domkirche St. Eberhard Stuttgart am 25.6.2017


Guter Hirte,
gute Hirtin,
schöner Weg


Konzert
Die neue Domkantorin
Lydia Schimmer überzeugt in
St. Eberhard. Von Mirko Weber

Stuttgart hatte sich müd’ gefeiert: Deutlich zu sehen waren Abnutzungserscheinungen bei Menschen und Material, nicht nur auf der Königstraße, wo dann aber abends noch einmal die Pforten von St. Eberhard offen standen. Und Einkehr sollte sich lohnen: Ein derart inniges, thematisch gut verknüpftes und herausragend musiziertes Programm, wie es die neue Domkantorin Lydia Schimmer konzipiert hatte, hört man nur selten. Antiphonisch vorweg ging dabei John Cages vibratoloses „ear for EAR“ mit einer gesanglichen Venimecum-Wirkung: „Geh mit mir!“, schien das Stück zu sagen. Entsprechend empfangsbereit folgte das Publikum den Wechselwirkungen des Gesangs, den Lydia Schimmer mit klarer Zeichengebung von der sehr schön ausbalancierten Domkapelle St. Eberhard forderte und den sie mit dieser formte. Gleich stellte
sie die dem Abend den Titel gebende Frage, begeleitet aus dem zweiten Psalm und nach
Felix Mendelssohn: „Warum toben die Heiden?“
Lies: die Völker. Wo schon einmal Aufruhr in der Luft lag, kam der Schlagzeuger Edzard Locher gerade recht, in Iannis Xenakis’ „Rebonds b“ solistisch noch mehr Donner zu wecken. Sein exaktes Timing und ein bisschen dynamische Zurückhaltung sorgten dafür, dass die immer heikle Kirchenakustik nicht überstrapaziert wurde. Ebenso hielt es der Gast aus England, Andrew Dewar, an der Orgel, als er die harmonisch kataraktartige Toccata von Francis Pott interpretierte: Dewar glättete so manches. Von Carl Nielsens „Dominus regit me“ schließlich zog sich die Verbindungslinie mit dem Psalm 100 über Johann Sebastian Bachs ersten Satz aus der Telemann-Variation „Jauchzet dem Herrn“ (BWV Anh. 160) bis hin zu Leonard Bernsteins dreiklangsatten „Chichester Psalms“. Überall in diesen Werken schaute er einem entgegen: der gute Hirte, der einen lagern lässt, und wie grün man sich seine Auen vorstellen muss, hatte vor Bernsteins Stück noch die Harfenistin Birke Falkenroth mit Marcel Tourniers Stück „Au Matin“ erhellt: sanft und selig. In Bernsteins Psalmen waren auf der Empore nun tatsächlich alle bisher Beteiligten vereint, ergänzt um die nachgerade irritierend klare Knabenstimme von Johannes Rempp vom Collegium Iuvenum Stuttgart. Bernsteins eingängiges Stück (an dessen Melodik sich nicht nur der amerikanische Pop in aller Großzügigkeit bedient hat) klang noch einmal eine Spur edler, als es ohnehin gemeint gewesen war. Lydia Schimmer hielt Bernsteins Ethos hier hoch, sehr hoch. Unter dieser Hirtin wird der Musik und den Menschen in St. Eberhard
wohl nichts mangeln.

Mirko Weber
"Stuttgarter Zeitung" vom 27. Juni 2017
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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Domkapelle_Konzert 170625


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Fotos: Heiko Tiedmann